Pseudotuberkulose bei Schafen und Ziegen

Im Zeitraum 1991 - 2000 wurde bei der Untersuchung von 258 kleinen Wiederkäuern in 12 Schaf- und Ziegenbetrieben in Westfalen-Lippe in 4 Beständen das Auftreten der sog. "Pseudotuberkulose" beobachtet. In der Schafhaltung Australiens soll diese Infektion im Vergleich zu allen übrigen Erkrankungen zu den stärksten wirtschaftlichen Verlusten führen. Auch in den USA werden Schafe bzw. Tierkörper bei der Schlachtung wegen Vorliegens von Pseudotuberkulose häufig beanstandet.

Bakterieller Erreger

Die auch als "verkäsende Lymphadenitis" bezeichnete, bevorzugt bei Ziegen und Schafen ab einem Alter von 1 bis 2 Jahren klinisch in Erscheinung tretende Erkrankung hat chronischen Charakter und wird durch den Erreger
"Corynebacterium pseudotuberculosis" hervorgerufen. Der Erreger zählt zu den gram-positiven Bakterien; sein invasiver Charakter resultiert offenbar aus der Produktion von Exotoxinen, die die Fähigkeit besitzen, Zellmembranen zu zerstören. Außerhalb des Organismus behält der gegen übliche Desinfektionsmittel sehr empfindliche Keim im Erdreich, Kot oder Wasser noch nach Wochen seine Infektionsfähigkeit. Durch direktes Sonnenlicht soll er innerhalb von 24 Stunden abgetötet werden.

Infektion, Krankheitsbild

Infektionsgeschehen

Die Übertragung erfolgt hauptsächlich als Schmutz- und Schmierinfektion durch direkten Kontakt über kleine Hautverletzungen, beispielsweise beim Scheren, Kupieren der Schwänze, Tätowieren oder in der Schafhaltung beim Baden im Rahmen der Ektoparasitenbekämpfung. Das Lamm infiziert sich auch über den Nabelstumpf. Die Erreger werden zudem über Körpersekrete und Kot ausgeschieden; experimentell ließ sich eine Tröpfcheninfektion nachweisen. Über die Blutwege und Lymphbahnen gelangen die Erreger zu den Zielorganen, d. h. den oberflächlichen und tiefen Lymphknoten des Körpers. Neben Schafen und Ziegen sind auch andere pflanzenfressende Wiederkäuer ebenso wie der Mensch gefährdet.

Lymphknoten werden befallen

Dem Ziegen- oder Schafhalter fällt üblicherweise zunächst eine bis faustgroße, meist einseitige Schwellung der paarig angelegten Hautlymphknoten auf. Hierzu zählen der Hinterohrlymphknoten (Ln. parotideus), der Lymphknoten des Unterkiefers (Ln. mandibularis), der vor dem Schulterblatt liegende Buglymphknoten (Ln. praescapularis), der Kniefaltenlypmphknoten (Ln. subiliacus) sowie der Lymphknoten im Bereich des Euterspiegels (Ln. supramammaricus).

Lokalisation der oberflächlichen Lymphknoten

Pseudotuberkulose

Pseudotuberkulose
Typische Erscheinungsform: Schwellung der Ohrlymphknoten bei Pseudotuberkulose

Diese oberflächlich gelegenen Lymphknoten (siehe rote Pfeile im Bild) nehmen innerhalb weniger Wochen meist ein- oder seltener beidseitig stark an Größe zu, wobei die wenig schmerzhaften Umfangsvermehrungen sich zu Beginn hart anfühlen und in einer fortgeschrittenen Phase bei einem Durchmesser von bis zu 10 cm eine teigige Konsistenz annehmen, so dass die Abszesskapsel sich mit dem Finger leicht eindrücken lässt. Schließlich bricht der Abszess auf und eine dickflüssige, oder auch krümmelige oder konzentrisch geschichtete Eitermasse wird freigesetzt. Der Abszessinhalt besitzt eine gelblich-graue Farbe und ist geruchlos.

Folgeerscheinungen

Während das Allgemeinbefinden der kleinen Wiederkäuer anfangs kaum beeinträchtigt ist, magern die Tiere nach einer mehrmonatigen Krankheitsdauer zunehmend ab. Beim Befall der inneren Lymphknoten, d. h. insbesondere der Kehlkopf- und Lungenlymphknoten sowie der Mesenteriallymphknoten stellen sich Schluck- und Atembeschwerden, Tympanien und gelegentlich Aborte ein. Diese Veränderungen an den inneren Lymphknoten treten allerdings erst bei der Sektion der Tier zutage. Eine weitere Ausbreitung des Erregers in Leber, Milz, Niere, Gehirn und Rückenmark kann vereinzelt zu Todesfällen führen.

Diagnose und Erregernachweis

Diagnostisch von Bedeutung sind zunächst die Veränderungen an den oberflächlichen Lymphknoten, wobei i. d. R. die Kopflymphknoten bei ein oder mehreren Tieren der Herde betroffen sind. Die Absicherung erfolgt über den Nachweis des Erregers über eine bakteriologische Untersuchung des Abszessinhaltes. Zur Ermittlung bereits infizierter, allerdings klinisch noch unauffälliger Tiere und zur Erfassung von Tieren, die nach spontaner Abszessöffnung keine typischen klinischen Veränderungen an den oberflächlichen Lymphknoten mehr aufweisen, bietet sich eine serologische Untersuchung der Herde mittels eines ELISA-Testes an, bei dem Antikörper gegen Corynebacterium-pseudotuberculosis-Exotoxine und / oder Zellwandantigene nachgewiesen werden.

Statuserhebung einer Ziegenherde

Betriebssituation

In einer 33 Tiere umfassenden Ziegenherde, ohne Vermarktung von Milch oder Milchprodukten, wurde aufgrund der klinischen Erscheinungen, d. h. insbesondere aufgrund der abszedierenden Kopflymphknoten, der Verdacht auf Pseudotuberkulose erhoben. Der größere, im Pflegezustand vernachlässigte Teil der Herde hatte während des Tages Weidegang, nachts wurde sie in einem ehemaligen Schweinestall unter beengten räumlichen Bedingungen und bei entsprechend intensivem Kontakt der Tiere, untergebracht. Die zweite Gruppe von 6 älteren Ziegen war ganztägig in einer angrenzenden Scheune ohne Kontakt zu der größeren Gruppe aufgestallt.
Tierzukauf
Der Besitzer gab an, dass er die Veränderungen an den Lymphknoten etwa ½ Jahr nach dem Zukauf von 7 unverdächtigen Ziegen aus einem anderen Bestand, der angeblich gleichartige Probleme hatte, erstmalig bei Tieren der ursprünglichen Herde habe beobachten können. Bereits drei Monate nach der Aufstallung erkrankten alle Zukauftiere und sonderten längere Zeit eitriges Sekret aus den Fistelkanälen der befallenen Lymphknoten ab.

Die Herde ließ sich folgendermaßen aufgliedern.

- Bunte Deutsche Edelziege: 9 Tiere
- Anglo-Nubier-Ziegen: 7 Tiere
- Holländische Schecken 5 Tiere
- Thüringer-Wald-Ziegen:  4 Tiere
- Weiße Deutsche Edelziege: 3 Tiere
- Toggenburger: 3 Tiere
- Zwergziege: 1 Tier
- Kreuzungstiere: 1 Tier

Verteilung der Krankheitssymptome

Bei der klinischen Untersuchung der Ziegen ließen sich bei 13 Tieren (entsprechend 39 %) entzündliche Veränderungen an den Lymphknoten feststellen. Die Lokalisation kann nachstehender Tabelle entnommen werden.

Tabelle 1: Lokalisation der Lymphknotenveränderungen

Pseudotuberkulose

Kopflymphknoten bevorzugt betroffen

Die Auswertung zeigt, dass die Kopflymphknoten bei der Pseudotuberkulose vorrangig betroffen sind. Nur bei 4 Ziegen ließen sich an 2 oder gar 3 (1 Tier) der fünf paarig angelegten und überprüften Lymphknoten Schwellungen, Abszessbildung oder gar narbige Kontrakturen feststellen.
Das altersabhängige Auftreten der klinisch manifesten Form der Pseudotuberkulose in einem Ziegenbestand verdeutlicht tendentiell nachstehende Tabelle.

Tabelle 2: Altersabhängigkeit klinischer Verlausformen

Pseudotuberkulose

Ziegenlämmer konnten leider nicht in die Untersuchung einbezogen werden, da sie vor dem Untersuchungstermin bereits zum Schlachten abgegeben worden waren. Eine rasseabhängige Disposition scheint nicht zu bestehen.

Erregernachweis im Labor

Aus dem Abszessinhalt des Hinterohrlymphknotens einer typisch erkrankten Ziege konnte im bakteriologischen Labor des Institutes für Tiergesundheit, Milchhygiene und Lebensmittelqualität der Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe der Erreger "Corynebacterium pseudotuberkulosis (ovis)" isoliert werden. Der Keim bildet nach 48-stündiger aerober Bebrütung auf bluthaltigen Nährböden stecknadelkopfgroße, trockene, weiße Kolonien mit einem schwach hämolytischen Hof. Die weitere Differenzierung erfolgte mit dem CAMP-Test und aufgrund seiner biochemischen Charakteristika.

Blutserologische Untersuchungen

Bei der blutserologischen Untersuchung der 33 Ziegenseren mittels des ELISA-Testes durch das Centraal Diergeneeskundig Instituut in Lelystad reagierten 24 Tiere (entsprechend 72,7 %) positiv und ein Tier fraglich; bei einem Tier trat eine unspezifische Reaktion auf. ( Anmerkung: Serologische Untersuchungen führt jetzt auch das Chemische u. Veterinäruntersuchungsamt in Stuttgart durch / Anschrift s. u.).

Alle klinisch auffälligen Tiere zeigten eine positive Reaktion. Eine Beziehung zum Alter der Tiere war hier nicht zu erkennen. Auffallend ist, dass sich 6 der 7 serologisch negativen Tiere, von dem größeren Teil der Herde getrennt, in der angrenzenden Scheune befanden und bei diesen Tieren auch keine für Pseudotuberkulose charakteristischen Lymphknotenveränderungen beobachtet werden konnten.

Da 6 Ziegen CAE - typische Schwellungen im Bereich der Karpal- und Tarsalgelenke aufwiesen (2 dieser Tiere entlasteten wechselseitig die Vordergliedmaßen), wurde zusätzlich eine blutserologische Untersuchung aller 33 Tiere im Staatlichen Veterinäruntersuchungsamt Arnsberg eingeleitet. Im Doppelimmunodiffusionstest mit heterologem MAEDI/VISNA - Antigen reagierten 14 Ziegen positiv und 3 Tiere fraglich.

Möglichkeiten einer Bestandssanierung

Aufgrund der hohen Reagentenquoten und der für eine mutterlose Aufzucht äußerst ungünstigen räumlichen Bedingungen wurde, primär im Hinblick auf die potentielle Gefährdung des Menschen und anderer Ziegen- und Schafbestände (Ziegen mit infizierten Euterlymphknoten scheiden den Erreger mit der Milch aus!), dem Besitzer geraten, alle Ziegen der größeren Stalleinheit schlachten zu lassen. Bei einzeln gehaltenen Schafen oder Ziegen mit hohem Zuchtwert, die an Pseudotuberkulose erkrankt sind, können die folgenden Maßnahmen durchgeführt werden:

  • Spaltung des reifen Abszesses an der tiefsten Stelle und Spülung der Abszesshöhle mit einer desinfizierenden Lösung.
  • Injektion von Langzeit-Penicillin oder Tetracyclin-Präparaten, so dass ein Wirkstoffspiegel von mindestens 5 Tagen gewährleistet ist.

Keine Heilung möglich

Eine Heilung der Tiere ist durch diese Maßnahme nicht zu erwarten, da sich die Erreger einerseits intrazellulär (in Makrophagen) dem antibiotischen Einfluß entziehen und andererseits die bindegewebige Struktur der Abszesshülle einer ausreichenden Wirkstoffanflutung entgegensteht. In allen übrigen Fällen sollten sowohl serologisch positive als auch klinisch erkrankte Tiere aus der Herde entfernt werden. Da sich Ziegen und Schafe unmittelbar nach dem Erregerkontakt und chronisch erkrankte Tiere der serologischen Erfassung entziehen bzw. entziehen können, werden bei Sanierungsverfahren nach Ausmerzung der Reagenten Nachuntersuchungen erforderlich.

Belastungsfähige Immunisierung durch Vakzination

Da in Australien wegen des enzootischen Vorkommens der Pseudotuberkulose prophylaktischen Maßnahmen besondere Bedeutung zukommt, steht dort zur Vakzination eine handelsübliche Corynebacterium - pseudotuberkulosis –Toxoidvakzine zur Verfügung, die den Aufbau einer belastungsfähigen Immunität verspricht. Erste Impfversuche mit stallspezifschen Vakzinen wurden mittlerweile auch in Deutschland durchgeführt.

Anschrift der Untersuchungseinrichtungen:

Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart
Schaflandstrasse 3/3
70736 Fellbach

Centraal Diergeneeskundig Institut (CdI)
Postbus 65,
NL-8200 AB Lelystad,
Tel.-Nr. (00 31) 32 00 - 7 39 11