Euterinfektionen bei Erstkalbinnen

Vorkommen, Bedeutung, prophylaktische Maßnahmen

Im allgemeinen wird davon ausgegangen, daß die Milchdrüse von Erstkalbinnen während der Trächtigkeit und zum Zeitpunkt der Abkalbung gesund und frei von Infektionserregern ist. Lediglich die sog. "Holsteinische Euterseuche" oder "Sommermastitis der Jungrinder" ist den meisten Milchviehhaltern aus eigener (leidvoller) Erfahrung als verlustbringende Euterinfektion bekannt. Welche Infektionserreger überhaupt bei Erstkalbinnen vorkommen, welche Bedeutung ihnen beigemessen wird und was zur Vermeidung von Euterschäden unternommen werden kann, darüber berichtet Dr. Hubert Brentrup, Fachtierarzt für Rinder der Landwirtschaftskammer Norrhein-Westfalen.

Anlaß für die nachfolgend beschriebenen Untersuchungen waren die in jüngster Zeit deutlich zunehmenden Berichte von Milcherzeugern über einen Anstieg von Euterentzündungen bei Erstkalbinnen in dem Zeitraum weniger Tage vor bis etwa 2 Wochen nach der Kalbung. Um eine Übersicht über die Infektionshäufigkeit der Milchdrüsen von Erstkalbinnen zu bekommen, wurden Milchproben aus 677 Eutervierteln von 170 Erstkalbinnen (bei drei Rindern ließen sich jeweils nur aus 3 Vierteln Milchproben gewinnen) aus 18 Milchviehbetrieben in Westfalen-Lippe bakteriologisch untersucht. Die in die Untersuchung einbezogenen Betriebe halten zwischen 25 und 110 Milchkühe der Rassen DRB und DSB. Bei 13 Betrieben handelt es sich um Boxenlaufställe, 5 Betriebe halten ihre Kühe in Anbindehaltung. Den Betriebsleitern sei an dieser Stelle ganz herzlich für ihre Mitarbeit, insbesondere bei der Probeentahme, gedankt.

Die Milchproben wurden unmittelbar nach der Geburt des Kalbes, auf jeden Fall aber vor dem ersten Melken, nach Vormelken und Verwerfen der ersten Milchstrahlen und nach Reinigung und Desinfektion der Zitzenkuppen aus den Eutervierteln in jeweils ein steriles Milchprobenröhrchen ermolken und anschließend im mikrobiologischen Labor der Landwirtschaftskammer auf das Vorhandensein von Infektionserregern untersucht. Ziel dieser Untersuchung war, die Infektionshäufigkeit und die Art der beteiligten Erreger vor dem ersten Anmelken von Färsen zu ermitteln. Durch die gezielte Terminierung der Probenentnahme sollten mögliche Sekundärkontaminationen des Euters durch das Melkzeug oder über die Hände der melkenden Person im Rahmen dieser Untersuchung nicht miterfaßt werden. Die im folgenden dargestellten Untersuchungsergebnisse sind somit auf Infektionen zurückzuführen, die sich ausschließlich im Vorfeld des Milchgewinnungsprozesses ereignet haben.

Ergebnisse

Von den 170 Erstkalbinnen wurden anläßlich der Milchprobengewinnung bei 3 Tieren klinische Mastitiden auf jeweils einem Euterviertel festgestellt. Dies entspricht 1,8% der untersuchten Tiere und 0,44% der untersuchten Milchproben. Aus den betreffenden Milchproben wurden einmal Staphylococcus aureus (St.aureus) und zweimal Escherichia coli (E.coli) isoliert. Bei der Bewertung der in unserem Untersuchungsgut vergleichsweise geringen Rate klinischer Mastitiden ist zu berücksichtigen, daß die Milchprobeentnahme und Milchsekretbeurteilung zu einem sehr frühen Zeitpunkt nach der Kalbung erfolgte. Später sich entwickelnde klinische Mastitiden, die sich nach Literaturangaben vorwiegend in der ersten Woche nach dem Kalben ergeben und zwischen 3 und 29% der Tiere betreffen, wurden im Rahmen unserer Untersuchungen nicht erfaßt.

Von den aus insgesamt 677 Eutervierteln untersuchten Milchproben wurden in 66,03% bakterielle Erreger gefunden. Bezogen auf die Anzahl infizierten Erstkalbinnen (Tab.2) ergab sich eine noch höhere Infektionsrate von 91,77%. D.h., bei lediglich 14 von 170 Rindern wurden keine Infektionserreger nachgewiesen. Am häufigsten wurden dabei die sog. "koagulase-negativen Staphylokokken (CNS)" gefunden. Hierbei handelt es sich um normale "Bewohner" der Euter- und Zitzenhaut, die im Vergleich zu den "klassischen Mastitiserregern" wie z.B. St.aureus, nur selten klinische Euterentzündungen verursachen. Von einigen Wissenschaftlern wird den CNS sogar eine Art Schutzwirkung gegenüber Infektionen mit anderen Erregern zugeschrieben

Dies würde bedeuten, daß Euterviertel, die mit diesem Erreger infiziert sind, gegen andere Infektionen und Mastitiden gefeit sind. Interessanterweise wird diese These durch unsere Untersuchungsergebnisse zumindest teilweise unterstützt, da in keinem der mit CNS behafteten Euterviertel gleichzeitig St.aureus nachgewiesen wurde. Andere Untersucher haben hingegen eine gesteigerte Empfindlichkeit von mit CNS infizierten Eutervierteln gegenüber Streptokokken-Infektionen festgestellt. In unserem Untersuchungsgut waren ca. 50% der CNS positiven Milchproben gleichzeitig mit Streptokokken besiedelt. Allerdings wurden in keiner der insgesamt 677 Milchproben Galtstreptokokken gefunden. Bei Untersuchungen des Tiergesundheitsamtes Bonn wurden in 1.376 Viertelgemelksproben von 344 frisch abgekalbten Zuchtfärsen ebenfalls keine Galterreger nachgewiesen. Diese Tiere wurden anläßlich von Absatzveranstaltungen bis ca. 2 Wochen nach dem Abkalben untersucht. In Galt-Problembetrieben wurden nach Literaturangaben bei 12-13 % der untersuchten Viertelgemelksproben von Färsen Galt-Erreger gefunden.

Die "übrigen Streptokokken" auch als "Nicht-Galt-Streptokokken" bezeichnet, stellen nach den CNS mit einem Anteil von 34,27% infizierter Euterviertel bzw. 61,76% infizierter Erstkalbinnen die zweithäufigst nachgewiesene Gruppe von Bakterien dar. Im Gegensatz zu den Galt-Streptokokken, die sich weitgehend an die Milchdrüse adaptiert haben und sich in der Umwelt weder vermehren noch lange überlebensfähig sind, sind die "übrigen Streptokokken" nicht auf die Milchdrüse als Lebensraum angewiesen, sondern finden sich z.B. auch in Hautwunden, auf Schleimhäuten sowie in der Umwelt (Stall) der Tiere. Insgesamt haben sie eine vergleichsweise geringe Pathogenität (krankmachende Wirkung) auf die Milchdrüse, können aber dennoch bei verminderter Resistenzlage infizierter Tiere (Streß, Stoffwechselstörung, Schwergeburt usw.) subklinische Mastitiden in Form von Zellzahlerhöhungen oder auch klinische Euterentzündungen verursachen. Wenn Färsen in fortgeschrittenem Trächtigkeitsstadium, erst recht mit beginnendem Aufeutern, auf Vollspaltenböden gehalten werden, finden die hier vorkommenden Streptokokken in der sich entwickelnden Milchdrüse hervorragende Lebensbedingungen, was sich in Form von äußerlich nicht erkennbaren Schädigungen des Drüsengewebes bis hin zur klinisch manifesten Euterentzündung auswirken kann.

Ähnlich wie viele Nicht-Galt-Streptokokken sind auch die Coli-Keime typische "Umweltkeime". Sie gehören zur normalen Flora des Darmes und sind abhängig von der Kotverschmutzung in unterschiedlichem Ausmaß in der Umgebung von Tieren zu finden. In den von uns untersuchten Milchproben wurden 14 mal Coli-Bakterien (2,07%) gefunden, entsprechend waren 12 Rinder mit diesem Keim infiziert. Von den 14 infizierten Eutervierteln entwickelten aber lediglich 2 die typischen Symptome der allseits bekannten und gefürchteten "Coli-Mastitis". Ob und wann aus einer Infektion des Euters mit Coli-Keimen eine "Coli-Mastitis" entsteht, hängt zum einen von der Menge (Konzentration) der Coli-Keime zum anderen von vielen anderen, z.T. noch unbekannten Faktoren ab. Streßauslösende Momente, wie z.B. Schwergeburten oder Transporte bei hohen Umgebungstemperaturen wirken sich nachteilig auf das Immunsystem aus. Derartige Belastungen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit entscheidend dafür, ob und in welchem Ausmaß aus einer Coli-Infektion des Euters eine Erkrankung des Euters oder gar des gesamten Organismus entsteht.

Infektionen des Euters mit St.aureus sind nicht zuletzt deswegen besonders gefürchtet, weil sie nur äußerst schwer zu therapieren sind. Milchviehherden, die über einen hohen Anteil St.aureus-positiver Tiere verfügen, sind nur mit großen Anstrengungen und zumeist beträchtlichen finanziellen Aufwendungen zu sanieren. Erfolge sind letztlich nur zu erzielen, wenn therapieresistente Tiere konsequent gemerzt werden, Hygienemaßregeln strikt eingehalten und die Gefahr von Reinfektionen und Neuinfektionen durch geeignete Maßnahmen auf ein Minimum reduziert werden. Besondere Beachtung verdienen hierbei die Erstkalbinnen. Sie sollten bei der Integration in die Milchviehherde frei von St.aureus-Infektionen sein, um den Erreger nicht in eine St.aureus-freie Herde einzuschleppen. Ist die Herde bereits mit St.aureus infiziert, kommt es darauf an, die Remonten soweit wie möglich vor Ansteckungen zu bewahren. In unserer Untersuchung wurde bei 20% der Erstkalbinnen und 9,6% der Euterviertel St.aureus nachgewiesen. Hierbei ist anzumerken, daß 22 der insgesamt 34 St.aureus-positiven Erstkalbinnen aus vier St.aureus-Problembetrieben stammen. Die restlichen 12 positiven kommen aus Betrieben, deren Infektionsgrad mit St.aureus nicht bekannt war. In 5 der 18 Milchviehbetriebe wurde St.aureus bei keiner Erstkalbin nachgewiesen. Verglichen mit den Ergebnissen anderer Untersucher, die einen Anteil bakteriologisch positiver Viertelgemelksproben von 3-20% ermittelten, liegen unsere Ergebnisse mit 9,6% positiver Proben im mittleren Bereich.

Welche Schlußfolgerungen sind aus den vorliegenden Untersuchungsergebnissen abzuleiten?

Die Untersuchungen belegen, daß etwa 66% aller Euterviertel von Erstkalbinnen zum Zeitpunkt der Kalbung mit bakteriellen Erregern infiziert waren. Die größte Gruppe der gefundenen Bakterien (CNS) verschwinden nach Literaturangaben im Laufe der ersten beiden Laktationswochen wieder aus dem Euter, ohne klinische Mastitiden zu verursachen. Man weiß aber heute, daß jede Infektion, auch wenn sie nicht zur klinisch manifesten Erkrankung führt, entzündliche Reaktionen im Eutergewebe hervorruft. Die daraus resultierenden Gewebszerstörungen führen in betroffenen Eutervierteln zu Leistungsminderungen bis an die 18%. Deshalb muß auch im Hinblick auf scheinbar relativ harmlose Infektionserreger, ebenso wie bei den bekannt krankmachenden Bakterien, oberstes Ziel aller Maßnahmen sein, Euterinfektionen bei Färsen so weit wie möglich zu verhindern.

Eine scheinbar banale, erfahrungsgemäß aber häufig nicht leicht umzusetzende Empfehlung, ist die möglichst saubere und trockene Aufstallung der Färsen. Vollspaltenböden sind zumindest ab dem letzten Drittel der Trächtigkeit für Zuchtfärsen ungeeignet. Färsen sind vor dem Kalben möglichst getrennt von der Kuhherde zu halten. Zukaufstiere sind vor Integration in eine eutergesunde Milchviehherde klinisch und bakteriologisch zu untersuchen, um die Einschleppung von Krankheitserregern zu verhindern. Neugeborene Kälber sind unmittelbar nach der Geburt auf das Vorhandensein von Beizitzen zu kontrollieren. Diese sind ggf. sofort fachgerecht zu entfernen, da in dem später häufig sich entwickelnden dazugehörigem Drüsengewebe Keimansammlungen stattfinden, die eine ständige Infektionsquelle für das betreffende Tier selbst als auch für die übrigen Herdenmitglieder darstellen.

Bei der Jungtieraufzucht sollte gegenseitiges Besaugen der Kälber unbedingt vermieden werden. Auch das Vertränken der Milch von mastitiskranken Kühen sollte sicherheitshalber unterbleiben, obwohl bis heute nicht eindeutig nachgewiesen ist, daß Mastitiserreger über diesen Weg in das Euter der Färse gelangen. Besaugen des iuvenilen Euters nach der Geschlechtsreife führt zu vorzeitiger Milchbildung. Hieraus resultiert die Gefahr einer Infektion und Entzündung des Drüsengewebes. Mit fortschreitendem "Aufeutern" bzw. bei Beginn des Milchentzuges manifestiert sich dann nicht selten eine klinische Mastitis. Eine wichtige vorbeugende Maßnahme - nicht nur zur Prophylaxe der Holsteinischen Euterseuche - ist die konsequente Fliegenbekämpfung. Diesbezügliche Untersuchungen haben ergeben, daß in Herden mit intensiver Fliegenbekämpfung Umweltstreptokoken und St.aureus bei den Färsen weniger als in anderen Herden vorkommen.

Übermäßiges Aufeutern führt zu einer frühzeitigen mechanischen Belastung des Eutergewebes, vorzeitigem Milchfluß, mitunter auch zu Euter-Schenkelhaut-Ekzemen. Hierdurch entstehen unvermeidlich "Schmierinfektionen" mit Umweltkeimen, die eine zusätzliche Gefahr für die Eutergesundheit darstellen. In diesen Fällen sollte man nicht zögern, bereits einige Tage vor dem Kalben mit dem Melken zu beginnen. Nach Aussage von Prof. Wendt, Freie Universität Berlin, hat sich das Zitzendippen tragender Jungrinder oder die wöchentliche Anwendung eines desinfizierenden Sprays bewährt. Die Mastitisrate nach der Abkalbung derart behandelter Färsen soll im Vergleich zu unbehandelten Tieren um etwa 50% niedriger liegen.

Die prophylaktische Anwendung von Antibiotika zur Vermeidung von Euterentzündungen bei Färsen sollte wegen der damit verbundenen Gefahren (Strichkanalverletzungen, Antibiotikarückstände) auf solche Bestände beschränkt werden, die vermehrt und mit anderen Maßnahmen nicht zu beseitigende Probleme mit Mastitiden bei Färsen haben. In diesen Fällen empfiehlt sich die Anwendung von Langzeitantibiotika ("Trockensteller") etwa 6-8 Wochen vor dem Kalbetermin. Diese Maßnahme ist jedoch für Tier und Mensch nicht ganz ungefährlich und muß daher mit äußerster Vorsicht, Behutsamkeit und Sauberkeit vorgenommen werden. Hierzu ist eine sichere Fixation des zu behandelnden Tieres unerläßlich. Zur Applikation des Antibiotikums darf die Kanüle des Euterinjektors nach Desinfektion der Zitzenkuppe auf die Strichkanalöffnung nur aufgesetzt, allenfalls ganz minimal eingeführt werden, damit der Strichkanal nicht beschädigt wird. Um unangenehmen Überraschungen vorzubeugen, ist auf jeden Fall die Milch derart behandelter Tiere vor der Ablieferung an die Molkerei auf Hemmstoffe zu untersuchen.

Wenn irgendwie möglich, sollten die Euter tragender Färsen wenigstens in den letzten 2-3 Monaten vor dem Kalben täglich durch Betrachten kontrolliert werden. Dies gilt insbesondere für solche Tiere, die einer gründlichen Beobachtung nur schwer zugänglich, aber wegen der besonderen Umstände (Gruppenhaltung auf Vollspaltenböden, Weidehaltung) gegenüber Euterinfektionen besonders gefährdet sind. In Verdachtsfällen sind die Euterviertel abzutasten und ggf. auch vor dem Abkalben anzumelken, um Euterentzündungen frühzeitig zu erkennen und erforderlichenfalls gezielt behandeln zu können. Die Färse von heute ist die Leistungskuh von morgen! Dies zu beachten ist auch und insbesondere unter dem Aspekt der Eutergesundheit dringend zu empfehlen.